Freitag, 10. April 2015

#Willkommen auf meiner virtuellen Interviewcouch Susanne Gavénis

Liebe Lesemäuse und Büchereulen!


Darf ich euch die wundervolle Autorin Susanne Gavénis vorstellen? Sie ist keine geringer als die Autorin der Fantasyroman "Gwailor Chronik", welche ich kürzlich auf meinem Blog vorgestellt beziehungsweise besprochen habe. An dieser Stelle verlinke ich am besten nochmal die beiden Rezesnionen, damit ihr euch selbst ein Bild davon machen könnt!

Gwailor Chronik - Im Schatten der Prophezeiung
Gwailor Chronik - Schicksalspfade

So weiter im Text ich hatte die fabelhafte Gelegenheit sie mit Fragen zu löchern und genau diese präsentiere ich euch jetzt.


Beginnen wir mit einigen Fragen zu deiner Person.


Wie würdest du dich selbst beschreiben?

Eine ausgeprägte Eigenschaft von mir ist sicherlich, anspruchsvoll mir selbst gegenüber zu sein. Wenn ich mich für eine Sache engagiere – sei es beispielsweise beruflich in meinem Unterricht oder als Autorin bei meinen Geschichten – investiere ich stets sehr viel Zeit und Anstrengung und bin letztlich immer erst dann zufrieden, wenn ich meine selbst gesteckten Anforderungen erfüllt habe. Neben diesem etwas perfektionistischen Streben ist es mir aber genauso wichtig, die kindliche und verspielte Seite in mir nicht zu vernachlässigen. Ob dies nun bei einem netten Rollenspiel auf meiner Playstation oder in geselliger Runde bei einem Brettspielabend geschieht, ist dabei egal. Darüber hinaus bin ich ein ziemlich wissbegieriger Mensch. Ich finde es faszinierend, zu erfahren, wie die Welt und das Universum funktionieren, und bin ein regelmäßiger Konsument von Wissenschaftsreportagen im Fernsehen. Das Gefühl, Gesetzmäßigkeiten und Strukturen hinter den oberflächlichen Erscheinungen erkannt zu haben, verschafft mir eine tiefe Befriedigung, und ich bin dankbar dafür, in einer Zeit zu leben, in der so viel Wissen wie noch nie zuvor so frei für so viele Menschen verfügbar ist.

Wie bist Du zum Schreiben gekommen? Wolltest du schon immer Autorin werden?

Geschichten habe ich mir schon immer gerne ausgedacht, selbst als ich gerade erst in die Schule gekommen bin, aber diese Geschichten tatsächlich aufzuschreiben, hat noch einige Jahre länger gedauert. Bis dahin habe ich lediglich meine Playmobil- und Lego-Figuren in meiner Fantasie in die exotischsten Abenteuer geschickt und meine damalige beste Freundin mit spontan zum Besten gegebenen Heldentaten des guten alten Zorro beglückt (da sie, anders als ich, mit Science Fiction und Fantasy so überhaupt nichts anfangen konnte). Irgendwann habe ich gemerkt, wie viel ich eigentlich zu erzählen hatte, vor allem, wenn ich meiner Fantasie völlig freien Lauf lasse und sie nicht durch die Erwartungen und Bedürfnisse anderer Personen einschränke. Das war die Geburt meines ersten SF-Romans (ungefähr mit elf Jahren) und die endgültige und unwiderrufliche Pensionierung des armen Zorro.

Welche Bücher liest Du selbst gerne und vor allem wo liest du selbst am liebsten? Oder liest du überhaupt noch Bücher, immerhin sind Bücher quasi dein Beruf?

Die meisten Bücher lese ich ganz traditionell zuhause auf dem Sofa (obwohl es beim Fallschirmspringen oder Freeclimbing am Matterhorn bestimmt auch eine sehr interessante Erfahrung wäre). Ich lese allerdings bei Weitem nicht mehr so viel wie früher in meiner Jugend- und Studentenzeit, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass die Lektüre von Geschichten anderer Autoren mich bei meinem Nachdenken über meine eigenen Romane stört. Das ist zwar nicht immer und auch nicht immer gleich stark der Fall, aber so oft, dass ich mich im Zweifelsfall lieber eine Stunde länger gedanklich mit meinem aktuellen Roman beschäftige, als nach einem Buch aus meinem Bücherregal zu greifen, oder mir eine
Serie im Fernsehen anschaue (z.B. die neue „Flash“-Serie oder Arrow oder Supernatural). Geschichten im Fernsehen anzuschauen, interferiert nämlich zum Glück nicht mit meiner eigenen kreativen Arbeit, vielleicht, weil das Medium dort ein völlig anderes ist als das geschriebene Wort. Dennoch gibt es natürlich Autoren, die ich wegen bestimmter handwerklicher Qualitäten schätze und wo es Spaß macht, ihre Geschichten mit einem wachen Geist zu lesen, denn gerade als Autor ist der Lernprozess niemals zu Ende.

Dein Lieblingsautor ist.....?

Um gleich mit der Antwort auf die letzte Frage fortzufahren: Die frühen Romane von Dean Koontz aus den 1980ern finde ich, was ihren konflikthaften Aufbau und das minimalistische Setting betrifft, immer noch äußerst gelungen. Gerade seine Fähigkeit, wirklich nur die Handlungselemente in seinen Geschichten zu verwenden, die unbedingt notwendig sind, empfinde ich als vorbildlich (vor allem im Hinblick auf die gefühlten Millionen vollkommen ausufernder Fantasy-Zyklen, die einfach nicht zum Ende kommen wollen, sondern ihre Handlung mit immer neuen Storywendungen ständig weiter in die Länge ziehen). Die „Drachenreiter von Pern“-Geschichten Anne McCaffreys mag ich wegen der einzigartigen Darstellung der Verbundenheit von Menschen und Drachen und die Romane David Feintuchs wegen ihrer – wie ich finde – unerreicht guten konflikthaft konzipierten Dialoge. Daneben zählt C.J.Cherryh zu meinen Lieblingsautorinnen. Vor allem ihre Fähigkeit, fremde außerirdische Kulturen in ihrem Kontrast zu den menschlichen zu beschreiben, ist für mich immer wieder faszinierend. Die „Serienkiller“-Romane von Dan Wells sind für mich aufgrund ihres genial konzipierten Protagonisten ein echter Geheimtipp. Ich kenne keinen Roman, in dem die Hauptfigur sich mit einem vergleichbar krassen inneren Konflikt herumschlagen muss, noch dazu auf eine derart glaubwürdige und emotional berührende Weise.

Woher stammt deine Inspiration?

Da gibt es eigentlich kein großes Geheimnis. Die meisten Ideen für meine Geschichten kommen aus mir selbst, ohne dass es irgendeine Anregung von außen gegeben hätte. Manchmal entsteht eine Idee – bzw. das Fragment davon – aus etwas, was ich im Fernsehen gesehen oder in einem Lied gehört habe. Oft gehe ich auch von dem Grundkonflikt aus, den mein Protagonist in der Geschichte haben soll (z.B. ein Teenager, der massive Ängste hat und lernen muss, sie zu überwinden), und überlege, welche Art von Handlung am besten zu diesem Konflikt passen würde, um ihn möglichst gut zur Geltung zu bringen.

Die „Schreibblocke“ ist wohl der größte Feind eines Autors wie gehst du damit um?

Eine Schreibblockade ist für mich immer ein Zeichen, dass die Geschichte, an der ich gerade arbeite, an irgendeinem Punkt beginnt, sich in eine falsche Richtung zu entwickeln, ohne dass ich es bereits bewusst benennen kann. Dies kann sowohl die Konzeption bzw. die Handlungen der Figuren betreffen als auch die Abfolge der Ereignisse in der Story, die irgendwo hakt und nicht richtig rund läuft. In einer meiner Geschichten beispielsweise hatte ich eine meiner Figuren als potenzielle Freundin einer anderen geplant, während ein anderes Mädchen sich im Lauf der Geschichte zu so etwas wie ihrer Erzfeindin entwickeln sollte. Jede Szene mit diesen Figuren war jedoch so qualvoll zäh für mich, dass ich schließlich innehalten und überlegen musste, woran das lag. Dabei erkannte ich, dass ich – so merkwürdig das jetzt vielleicht klingt – die Bedürfnisse meiner Figuren völlig missachtet hatte. Das Mädchen, das eigentlich nach meiner Planung einer der Antagonisten hätte werden sollen, wollte tatsächlich den Platz der Freundin meiner Hauptfigur einnehmen, während sich umgekehrt das Mädel, das ich zu ihrer Freundin machen wollte, mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hat und stattdessen die Rolle des Bösewichts haben wollte. Sobald ich mich diesem Willen meiner Figuren gebeugt hatte, war die Schreibblockade wie weggeblasen, und ich hatte tatsächlich das Gefühl, dass erst jetzt alles so war, wie es für diese spezielle Geschichte richtig war. Ich denke, wenn man als Autor bei einer Schreibblockade versucht, auf die Stimme der Figuren und der Geschichte zu hören, wird man schließlich herausfinden, wo man angefangen hat, sich entgegen des natürlichen Flusses der Geschichte zu bewegen, und kann die Weichen wieder so stellen, dass alles ohne Störungen harmonisch weiterfließen kann.

Viele Autoren und Bücherwürmen besitzen tierische Unterstützung gibt es auch bei dir eine flauschige Unterstützung?

Flauschige Unterstützung in lebendiger Form habe ich nicht, wohl aber in Form meiner Kuscheltiere – süße weiße Häschen und Kätzchen, die immer in Griffweite sind, wenn mich das Schreiben einer Szene mal ein wenig gestresst hat. Für ein lebendiges Tier habe ich, so bedauerlich das auch sein mag, neben meinem Vollzeit-Job als Lehrerin und nebenberuflicher Autorin einfach keine Zeit, zumal ich mit dem Meerschweinchen, das ich mal als Teenager hatte, ohnehin eine gewisse traumatische Erfahrung verbinde. Vor einer Urlaubsreise hatte ich das kleine Tierchen bei meinem Schwager in Pflege gegeben, der es noch am Tag meiner Abreise beim „Herumtollen“ versehentlich mit einem Wohnzimmersessel platt gemacht hat – was ich zum Glück erst bei meiner Heimkehr erfahren habe. Seitdem war mir irgendwie die Lust auf Haustiere vergangen. Meine Kuscheltiere können zwar vielleicht verstauben, aber ansonsten erlebe ich keine bösen Überraschungen mit ihnen.

Wie lange brauchst du für die Herstellung eines eigenen Buches?

Das ist ganz unterschiedlich. In der Regel geht das Schreiben einer Geschichte immer am schnellsten. Das, was die eigentliche Zeit frisst, sind die nachfolgenden Überarbeitungen, das Nachdenken über die Kritik meiner Probeleser und das Umsetzen dieser Kritikpunkte. Bedauerlicherweise habe ich nur hin und wieder an den Wochenenden sowie in den Weihnachts- und Sommerferien Zeit, um wirklich einmal intensiv an meinen Romanen zu arbeiten. In den übrigen Ferien bin ich fast immer durch die Korrektur von Abi-Arbeiten und anderen Klausuren so ziemlich vollständig ausgelastet. Den Rest der Zeit versuche ich, mich zumindest gedanklich mit meinen Geschichten zu beschäftigen, mir die weitere Handlung zu überlegen und mir Notizen zu machen, auch wenn ich gerade keine Zeit zum Schreiben habe. Da ich zum Glück ein ziemlich schneller Schreiber bin, wenn ich dann tatsächlich loslegen kann, dauert es trotzdem keine Äonen, bis das nächste Buch von mir zur Überarbeitung bereit ist. Hier merke ich deutlich, dass das Schreiben auch ein Handwerk ist, das umso flotter von statten geht, je mehr Routine man darin hat.

Wie gemütlich ist dein Schreibtisch eingerichtet? Oder schreibst du immer an verschiedenen Orten?

In der Regel sitze ich immer auf dem Sofa und schreibe auf meinem Laptop, den ich mir auf einem kleinen Klapptischchen auf den Schoß stelle. Früher habe ich ausschließlich an meinem PC geschrieben, aber das Sofa ist einfach gemütlicher, ich kann lässiger nach meiner Teetasse greifen und habe nicht so wie an meinem großen Computer in meinem Büro das Gefühl, gerade zu arbeiten. So ist das Schreiben meiner Geschichten auch vom Ambiente her für mich ein Ausdruck von Freizeit und Entspannung (und ich muss dabei nicht ständig auf meine Schulbücher und Aktenordner schauen).

Nun zu ihren beiden Büchern der "Gwailor Chronik"

Durch was zeichnen sich deine Hauptcharaktere aus?   

Meine Hauptfiguren – nicht nur in der Gwailor-Chronik, sondern in allen meinen Geschichten – zeichnen sich sicherlich dadurch aus, dass sie in tiefen persönlichen Konflikten gefangen sind und für sich selbst eine Lösung finden müssen, die sie aus diesen Konflikten heraus- und zu sich selbst hinführt. Das ist mir bei der Konzeption meiner Figuren immer sehr wichtig. Letztlich spiegelt sich in ihrem Kampf mit den äußeren Bedrohungen stets auch ihr Ringen um einen eigenen sinnhaften Platz im Leben, und die Verschärfung der äußeren Konflikte ist zugleich eine Reise zu einer neuen inneren Klarheit und persönlichen Reife, die sie zu dem Menschen macht, der sie in ihrem Kern schon immer waren. Im Verlauf der Handlung werden meine Protagonisten irgendwann schließlich immer an einen Punkt gelangen, an dem sie Entscheidungen von existenzieller Bedeutung für sich selbst treffen müssen und wo sie bestimmen, was für eine Art von Mensch sie sein wollen. Ein Scheitern an diesen Stellen mag für sie durchaus den Tod oder seelische Verkrüppelung bedeuten. Eine Beschreibung dieses Entscheidungsprozesses ist für mich das, was mich an Geschichten am meisten fasziniert.

Welchen Charakter favorisierst du selbst und warum?

Am meisten mag ich – welche Überraschung – Dayin und Lilell, meine beiden Protagonisten. Vor allem Dayin, der so sehr an sich selbst zweifelt, hat es mir angetan. Die Situation, in die ich den armen Kerl geworfen habe, war so allumfassend trübsinnig und hoffnungslos, dass mich viele Szenen mit ihm beim Schreiben angerührt haben. Aber auch Lilell mit ihrem Kampf um eine eigene Identität als Mensch und als Frau war für mich ein faszinierender Charakter. Ihre Konflikte mögen scheinbar weniger dramatisch sein als die von Dayin, aber das, was für sie auf dem Spiel steht, ist kaum weniger bedeutsam, und ein Scheitern hätte für sie ebenfalls fatale Konsequenzen. Bei den Nebencharakteren mag ich vor allem Beilar mit seiner bedingungslosen Loyalität gegenüber seinem Bruder, die auch bei dieser Figur, wie ich finde, einen Hauch von Tragik ins Spiel bringt.

Dein Buch ist geprägt von zwischen menschlichen Konflikten – (Bruderzwist, Vater-Tochter Konflikt…etc.), die den Verlauf der Geschichte auch maßgeblich beeinflussen, war dir von Anfang klar, dass diese Konflikte unüberwindbare Hürden darstellen werden oder haben sich diese schwierigen Verhältnisse während des Schreibens erst entwickelt?

Die Grundkonflikte meiner Protagonisten und die Etappen ihrer Entwicklung waren mir von Anfang an klar, da die Existenz derartiger zentraler Konflikte den Kern aller meiner Geschichten bildet. Wenn ich darüber nicht Bescheid wüsste, gäbe es überhaupt keinen thematischen roten Faden und keine Richtung – oder bloß eine zufällige -, in die sich die Story entwickeln könnte. Unabhängig von diesem roten Faden des Handlungsgangs, der von der Art des zentralen Konflikts der Protagonisten bestimmt wird und bereits zu Beginn des Romans feststeht, gibt es aber noch genug Momente, wo sich die Handlung auf eine Weise entwickelt, die sich erst spontan beim Schreiben ergibt. Rohn Lumaars Marotte mit den Armlehnen seiner Stühle beispielsweise war so eine spontane Sache, die einfach gepasst hat. Wie sich aber z.B. der Konflikt zwischen Dayin und Gerrent entwickeln würde und wie er am Ende ausgeht, durfte ich nicht meiner Spontanität überlassen, weil er ein zu wichtiges Handlungselement war und es die ganze Geschichte in eine vollkommen andere Richtung geführt hätte, hätte Gerrent plötzlich andere Entscheidungen getroffen, als er es getan hat

Welche Szene würdest du als Schlüsselszene bezeichnen? (ohne zu viel zu verraten)

Da gibt es, denke ich, zwei. Zum einen die ganze Passage um die Königin im ersten Band, die Dayins weitere Entwicklung entscheidend beeinflusst, und zum anderen die erste Begegnung zwischen Dayin und Lilell, da hier die Entwicklungen beider Hauptfiguren zu einem einzigen Strang zusammengeführt werden. Gerade auf diese zweite Szene habe ich ja lange und geduldig hingearbeitet, weil so viel im Vorfeld an wichtiger Handlung geschehen musste. Aber prinzipiell sollte es für einen Autor eine Unterscheidung in wichtige und unwichtige Szenen gar nicht geben, da jede Szene die Handlung voranbringen oder etwas Neues über die Figuren der Geschichte mitteilen sollte. Wenn man sich als Autor beim Schreiben zu sehr auf die Schlüsselszenen freut, läuft man Gefahr, zu schnell über die vermeintlich unbedeutenderen Szenen zu huschen, und das würde dann auch der Leser spüren.

Dayins Situation ist nicht unbedingt einfach. Hättest du genauso gehandelt wie er an seiner Stelle?

Das Problem für Dayin war ja, dass er in einer Situation gefangen war, aus der es scheinbar keinen Ausweg gegeben hat und die in ihm ein tiefes Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit erzeugt hat. Letztlich ist die Frage, was für Handlungsalternativen einem Menschen bleiben, der sich in einem derartigen Albtraum wiederfindet. Im Grunde beschreibt die Gwailor-Chronik – auch wenn ich es nicht bewusst so beabsichtigt habe – ein klassisches Mobbing-Szenario, wie man es tausendfach jeden Tag in Schulen und Firmen finden kann. Auch Dayin wird aufgrund eines angeblichen Makels abgelehnt, den er weder kontrollieren kann noch an dem er die Schuld trägt, und das nicht nur von einigen wenigen Personen, sondern von einem kompletten Königreich. Und so wie es für ein Mobbingopfer fatal wäre, sich den Angriffen und Fremddefinitionen der Mobbing-Täter zu unterwerfen und sie zu seinem eigenen Selbstbild zu machen, hätte es auch für Dayin verhängnisvolle Folgen, seinen Kampf aufzugeben und aufzuhören, seine Unschuld beweisen zu wollen. Von daher denke ich, dass ich ebenso wie Dayin versucht hätte, irgendwie den Kopf über Wasser zu halten und um ein positives Gefühl für die eigene Identität zu ringen.

Welche Eigenschaft muss für dich ein guter König bzw. eine gute Königin haben? (um Gwailor regieren zu können)

Ich würde sagen, so ziemlich alle Eigenschaften, die der böse Prinz John und der Sheriff von Nottingham nicht haben. Also so grundlegende Eigenschaften wie Gerechtigkeitssinn, die Fähigkeit, beim Regieren die wesentlichen von den unwesentlichen Aufgaben und Problemen zu unterscheiden und die richtigen Prioritäten zu setzen; daneben einen Blick und ein Gespür für die Nöte des Volkes und die Bereitschaft, seine eigenen Bedürfnisse und Interessen denen der Bewohner seines Landes unterzuordnen. Die Fähigkeit, den richtigen Leuten zu vertrauen, halte ich ebenfalls für sehr wichtig, d.h. eine gute intuitive Menschenkenntnis, gleichzeitig aber auch die Fähigkeit, die Balance zwischen Vertrauen und Misstrauen in die Menschen zu finden, um nicht entweder zu einem paranoiden Diktator oder zu einem weltfremden Träumer zu werden. Ebenso sollte ein guter Regent über die Bereitschaft verfügen, eigene Fehler einzugestehen und aus diesen Fehlern zu lernen. Auch der Mut zu notwendigen, aber möglicherweise unkonventionellen Entscheidungen sollte vorhanden sein.

Würdest du selbst gerne die Gabe des Sehens haben? Wenn du dir eine Begabung aussuchen dürftest, welche wäre das?

Eigentlich möchte ich gar nicht wissen, was in meiner Zukunft liegt. Zum einen fände ich das ziemlich langweilig, zum anderen bestünde die Gefahr, dass mich dieses Wissen aus der Gegenwart herausreißt und möglicherweise verhindert, dass ich in diesem konkreten Moment das tue, was ich für das Richtige halte, um ein Problem oder eine schwierige Situation konstruktiv bewältigen zu können. Ich fürchte, dass das Wissen um die Zukunft, statt tatsächlich etwas Gutes zu bringen, die meisten Menschen viel mehr lähmen würde, als ihre Kräfte zur Veränderung und persönlichem Wachstum zu mobilisieren. Bei der Fähigkeit des Heilens würde ich dagegen nicht nein sagen, sollte ich eines Morgens mit dieser Gabe aufwachen. Mich selbst und die Menschen, dir mir etwas bedeuten, von Schmerz und Krankheit befreien zu können, wäre schon eine schöne Sache. Ich denke zwar, dass der menschliche Geist eine Menge Einfluss auf den Körper hat und das ganze Gebiet der Psychosomatik immer noch in den Kinderschuhen steckt, aber die Fähigkeiten der Heilerinnen in der „Gwailor-Chronik“ gehen doch schon deutlich in Richtung Magie. Eine solche Macht über den Körper wäre im realen Leben schon etwas ziemlich Einzigartiges, und es wäre schön, wenn der eine oder andere Mensch tatsächlich über eine solche Gabe verfügen würde (wiewohl dann sofort das alte Superhelden-Problem akut werden würde: Wem hilft man und wen ignoriert man? Man kann schließlich nicht die ganze Welt retten.).

Wie stehst du selbst zu Okkultem? Glaubst du das Schicksal über uns Menschen bestimmt?

Woran ich auf jeden Fall glaube, ist eine grundlegende Sinnhaftigkeit des menschlichen Lebens. Und ich glaube an die Kraft und Fähigkeit der Menschen, diese Sinnhaftigkeit zu erkennen und sie in ihrem eigenen Leben zu verwirklichen. Von daher kann ich mit dem Wort „Schicksal“ relativ wenig anfangen, da es für mich entschieden zu sehr nach Determinismus und Fremdbestimmung klingt. Ich bin überzeugt, dass es kein vorbestimmtes Schicksal gibt, dem man unabhängig von seinen eigenen Anstrengungen unterworfen ist, sondern dass jeder Mensch prinzipiell in der Lage ist, sich selbst und seine Lebensumstände durch ehrliche Selbstreflektion und aufrichtiges Bemühen zum Besseren zu verändern. Dieses Bemühen zeigt sich letztlich bei allen meinen Romanfiguren in allen meinen Geschichten. Auch wenn ihre konkreten Lebensumstände noch so destruktiv und niederdrückend sind, versuchen sie doch immer, am positiven Kern ihres Wesens festzuhalten bzw. ringen mit ihrem Vertrauen, dass es diesen Wesenskern tatsächlich gibt und dass es sich lohnt, für das eigene Glück zu kämpfen. Es ist mir deshalb besonders wichtig, dass meine Romane bei meinen Lesern nach der Lektüre ein gutes Gefühl hinterlassen und sie vielleicht selbst einen Hauch jener Sinnhaftigkeit spüren, die die Grundlage meiner Geschichten bildet. Aus diesem Grund wird es niemals geschehen (Achtung, Spoiler!), dass einer meiner Protagonisten, nachdem er im Kampf für sein eigenes und das Glück ihm wichtiger Figuren alles gegeben hat und dabei über sich selbst hinausgewachsen ist, auf der letzten Seite des Romans bei seinem Versuch, ein kleines Kätzchen zu retten, vom Baum fällt und sich das Genick bricht. Das wären Geschichten, die ich selbst nicht lesen möchte, und ich denke, dass dies auch für viele Leser gilt.

Zu guter letzte noch  ein paar zukunftsgerichtete Fragen.

Und zu guter Letzt, ist bereits ein neues Werk von dir in Arbeit beziehungsweise wann dürfen wir damit rechnen?

Also, in Arbeit ist immer irgendetwas von mir. Die Geschichte, die ich als nächstes an meinen Verlag schicken werde, heißt „Die schwarze Quelle“ und ist ebenfalls ein Fantasy-Roman. Darin wird ein junger Elf mit den finsteren Machenschaften eines Dunkelelfen konfrontiert, der alle Elfenclans in einen vernichtenden Krieg hineinziehen will. Eine Leseprobe dazu gibt es übrigens bereits auf meiner Webseite. Der Roman befindet sich derzeit in seiner letzten Überarbeitungsphase, und ich hoffe, dass ich ihn gegen Ende des Jahres fertig habe.

Würdest du dich als „reine“ Fantasy und Science-Fiction Autorin bezeichnen oder wirst du dich auch noch an anderen Genre versuchen?


Nein, SF und Fantasy sind schon die Genres, in denen ich am liebsten schreibe. Sicherlich spielen Aspekte anderer Genres in viele SF- und Fantasy-Romane mit hinein, z.B. aus dem der Historienromane, Thriller oder auch der Liebesromane, aber in keinem anderen Genre habe ich als Autor eine solche Freiheit, eigene Welten zu schöpfen. Science Fiction und Fantasy sind in dieser Beziehung, wie ich finde, etwas ganz Besonderes, und gerade die Fantasy mit ihren vielen kraftvollen archetypischen Motiven und Bildern ermöglicht die Darstellung von Konflikten in einer sehr reinen Form. Das kommt meiner eigenen Art, Geschichten zu erzählen, sehr entgegen, wobei die Fantasy darüber hinaus noch den Vorteil besitzt, die beschriebenen Konflikte aufgrund der Existenz von Magie u.ä. sehr dramatisch gestalten und Bedrohungen entwerfen zu können, die nicht nur einen Einzelnen betreffen, sondern die komplette Menschheit oder die Welt, in der die Figuren leben (so etwa bei meinem ersten Fantasy-Roman „Shaans Bürde“, wo der Held in einer immer wiederkehrenden prophezeiten Schlacht gegen die Mächte des Bösen antritt, die die gesamte Welt für die nächsten hundert Generationen der Herrschaft finsterer Magier ausliefern würden). Die Art von Geschichten, die ich mir noch am ehesten vorstellen könnte, selbst zu schreiben, wären übernatürliche Thriller im Stile eines Dean Koontz oder der „Serienkiller“-Romane von Dan Wells, weil dort die konflikthafte Konzeption von Hauptfigur und Handlung und die phantastischen Elemente eine, wie ich finde, perfekte Symbiose eingehen. So etwas könnte mich möglicherweise in Zukunft durchaus einmal reizen.

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei Susanne Gavénis für ihre Bereitschaft zu diesem Interview bedanken!
Ich hoffe euch Lieben hat das Interview genauso gefallen wie mir!

Alles Liebe
Eure Jeanne

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